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Adele Spitzeder und die Dachauer Bank: das Schneeballsystem von München

Veröffentlicht am 21. Oktober 2026 · Überprüft am 3. November 2026 · 7 Min. Lesezeit

Adele Spitzeder war eine Münchner Schauspielerin, die ab 1869 Ersparnisse gegen zehn Prozent Zinsen im Monat annahm und die Zinsen der alten Einleger mit dem Geld der neuen bezahlte. Ihre „Dachauer Bank“ wuchs in drei Jahren zum Massengeschäft, bis sie am 12. November 1872 zusammenbrach: Der Konkursverwalter errechnete eine Überschuldung von über 8 Millionen Gulden bei rund 30.000 Geschädigten, meist Dienstboten, Handwerkern und Kleinbauern. Es gilt als eines der ersten aktenkundigen Schneeballsysteme der Welt, ein halbes Jahrhundert vor Charles Ponzi.

In 30 Sekunden

  • 1869 versprach die verschuldete Schauspielerin einer Münchner Zimmermannsfrau zehn Prozent Zinsen im Monat und zahlte die ersten Zinsen sofort aus, mit deren eigenem Geld. Die Nachricht verbreitete sich durch ganz Altbayern.
  • Die „Dachauer Bank“ war nie im Handelsregister eingetragen, hatte keine ordentliche Buchführung und kein Geschäft, das die Zinsen erwirtschaftete. Es gab kein Kreditwesengesetz und keine Finanzaufsicht, die sie hätte stoppen können.
  • Spitzeder kaufte sich Vertrauen: mit Spenden, einer Volksküche für die Armen, frommem Auftreten und Geld für Zeitungsredakteure.
  • Nach dem Zusammenbruch 1872 wurde sie 1873 wegen betrügerischen Bankrotts verurteilt. Ihre Opfer bekamen nur einen kleinen Teil zurück.

Chronologie

  1. Adelheid Spitzeder wird in Berlin als Tochter eines Sängerehepaars geboren.

  2. Nach einer erfolglosen Bühnenlaufbahn kehrt sie mittellos und verschuldet nach München zurück.

  3. Sie verspricht einer Zimmermannsfrau zehn Prozent Zinsen im Monat und zahlt zwei Monatszinsen sofort aus. Die „Dachauer Bank“ beginnt.

  4. Sie kauft für 54.000 Gulden das Haus Schönfeldstraße 9. Täglich gehen dort Zehntausende Gulden ein.

  5. Eröffnung ihrer Münchner Volksküche am Platzl: Am ersten Tag werden 4.000 Menschen verköstigt.

  6. Ansturm der Gläubiger, Schließung der Bank, Verhaftung wegen des Verdachts auf betrügerischen Bankrott.

  7. Das Appellationsgericht München verurteilt sie zu einer Haftstrafe.

  8. Sie veröffentlicht ihre Erinnerungen, „Geschichte meines Lebens“.

  9. Ein neuer Versuch, ein Bankgeschäft zu eröffnen, endet mit einer erneuten Verhaftung.

  10. Adele Spitzeder stirbt verarmt in München.

Wer war Adele Spitzeder?

Adelheid Spitzeder wurde am 9. Februar 1832 in Berlin geboren, als Tochter des Opernsängers Josef Spitzeder und der Sängerin Betty Vio. Nach dem frühen Tod des Vaters wuchs sie in Wien und München auf, besuchte teure Schulen und nahm Schauspielunterricht. Nach ihrem Debüt in Coburg spielte sie in Mannheim, Brünn, Nürnberg, Frankfurt, Karlsruhe und Altona, aber der große Erfolg blieb aus.

1868 kehrte sie mittellos nach München zurück. Sie lebte mit ihrer Freundin in Hotels und Gasthäusern, führte den Lebensstil einer Bühnenberühmtheit und konnte ihn sich nicht leisten. Laut Süddeutscher Zeitung hatte sie mehrere Tausend Gulden Schulden und löste einen Kredit mit dem nächsten ab. Aus dieser Not heraus erfand sie ihr Geschäft.

Wie funktionierte die Dachauer Bank?

Die Idee war die schlichteste, die es gibt. Laut Süddeutscher Zeitung begann alles in der Au, dem Armeleuteviertel an der Isar: Spitzeder erzählte einer Zimmermannsfrau, jemand zahle ihr zehn Prozent Zinsen im Monat auf ihr Erspartes, und bot ihr dasselbe an. Die Frau gab ihr 100 Gulden. Spitzeder ging auf ihr Zimmer und kam mit 20 Gulden zurück, zwei Monatszinsen im Voraus, genommen aus den 100 Gulden, die sie gerade bekommen hatte.

Nach der Neuen Deutschen Biographie blieb das Muster das ganze Geschäft hindurch gleich: Spitzeder nahm Einlagen gegen zehn Prozent Zinsen im Monat an, später acht, zahlte die Zinsen für zwei Monate im Voraus und stellte für die Einlage einen Wechsel mit drei Monaten Laufzeit aus. Das funktionierte nur, solange ständig neues Geld hereinkam, aus dem die fälligen Zinsen und Wechsel bezahlt wurden. Die Wikipedia beschreibt es nüchtern als „Ponzi-System, das erste aktenkundige in Deutschland und vermutlich der Welt“. Wie dieses Prinzip funktioniert, erklären wir unter Schneeballsystem.

Die bar ausgezahlten Zinsen waren die beste Werbung. Weil die ersten Kunden aus dem Dachauer Umland kamen, nannte man das Geschäft bald „Dachauer Bank“. Vermittler bekamen fünf bis sieben Prozent Provision auf das Geld, das sie brachten, und trugen die Nachricht in die Dörfer. 1871 kaufte Spitzeder für 54.000 Gulden das Haus Schönfeldstraße 9 in bester Münchner Lage. Auf dem Höhepunkt beschäftigte sie 83 Angestellte, stellte mehr als 1.000 Wechsel am Tag aus, und nach den Angaben der Neuen Deutschen Biographie gingen täglich über 60.000 Gulden ein. Bauern verkauften ihre Höfe, weil sie glaubten, von den Zinsen leben zu können.

Eine Buchführung im eigentlichen Sinn gab es nicht. Das Geld lagerte säckeweise in der Wohnung, teils im Tresor eines Friseurs, und die Bücher verzeichneten nur, wer wie viel eingezahlt hatte; manche Kunden hatten nur mit drei Kreuzen unterschrieben.

Warum vertrauten ihr so viele Menschen?

Weil Spitzeder genau verstand, was ihre Kundschaft hören wollte. Sie trat in hochgeschlossenem dunklem Kostüm auf, mit einem Kreuz am Hals und einem frommen Spruch an der Wand: „Tue Recht und scheue niemand.“ Sie schimpfte laut mit ihren Kunden, was sie für die kleinen Leute nur glaubwürdiger machte. Sie spendete großzügig und eröffnete am 25. September 1872 am Platzl eine Volksküche, in der am ersten Tag 4.000 Menschen verköstigt wurden.

Und sie kaufte sich die öffentliche Meinung. Laut Wikipedia bestach sie mehrere Redakteure mit bis zu fünfstelligen Guldenbeträgen und unterhielt zeitweise eine eigene Zeitung. Die Münchner Neuesten Nachrichten nannten sie früh eine Betrügerin, andere Blätter wie der Volksbote verteidigten sie, zum Teil, so die Süddeutsche Zeitung, weil sie Kredite von ihr bekommen hatten. München war gespalten.

Warum hat sie niemand früher gestoppt?

Weil es nicht eindeutig verboten war. „Es gab noch kein Kreditwesengesetz und keine Finanzaufsicht“, sagt der Autor Julian Nebel in der Süddeutschen Zeitung. Geld anzunehmen und mit Zinsen zurückzuzahlen war nicht strafbar. Die Polizei beobachtete das Geschäft, warnende Artikel gab es viele, aber eine Handhabe fehlte, wie das Historische Lexikon Bayerns festhält. Spitzeder warb zudem nie mit Sicherheiten, was das Gericht später sogar strafmildernd wertete.

Erst 1872 entschied ein Gericht, dass es sich nicht um ein Privatgeschäft handle und sie ein Gewerbe anmelden müsse, mit der Pflicht zu ordentlicher Buchführung. Das Innenministerium warnte öffentlich, das Geschäft beruhe „nur auf Ausbeutung des Unverstandes und der Habsucht“. Die Kunden wurden nervös.

Was geschah am 12. November 1872?

Gegner Spitzeders organisierten Dutzende Gläubiger, die gleichzeitig ihr Geld verlangten; die Wikipedia spricht von etwa 60, die Neue Deutsche Biographie von 40. Am Morgen des 12. November 1872 drängte sich vor der Schönfeldstraße 9 eine Menschenmenge, bis vier Uhr nachmittags mussten nach dem Historischen Lexikon Bayerns rund 180.000 Gulden ausbezahlt werden. Dann sperrte Militär die Straße ab, eine Untersuchungskommission begann die Buchprüfung, die Bank wurde geschlossen und das Vermögen beschlagnahmt. Spitzeder kam ins Gefängnis in der Baaderstraße.

Der Konkursverwalter errechnete eine Überschuldung von über 8 Millionen Gulden bei rund 30.000 Geschädigten, im Schnitt über 200 Gulden pro Person. Die Süddeutsche Zeitung nennt 32.000 Kunden mit Forderungen von 38 Millionen Gulden, die sie mit rund 400 Millionen Euro von 2017 gleichsetzt; Vermögenswerte fand der Verwalter nur für 15 Prozent der Forderungen. Für Menschen, die ihr ganzes Erspartes gebracht hatten, war das der Ruin. Es kam zu Selbstmorden, auch Gemeinden waren ruiniert, und der Zusammenbruch fiel in den Beginn der Gründerkrise von 1873.

Was sagte das Urteil?

Am 21. Juli 1873 verurteilte das Appellationsgericht München Adele Spitzeder, wegen betrügerischen Bankrotts, nicht wegen Betrugs: Den ließen die damaligen Gesetze nach Darstellung der Süddeutschen Zeitung nicht nachweisen. Über die Länge der Strafe gehen die Quellen auseinander. Das Historische Lexikon Bayerns nennt drei Jahre Gefängnis, die Neue Deutsche Biographie drei Jahre und zehn Monate, die Süddeutsche Zeitung drei Jahre und acht Monate; nach der Wikipedia waren es drei Jahre nach zehn Monaten Untersuchungshaft. Strafmildernd wirkten laut Wikipedia die fehlenden behördlichen Auflagen zur Buchführung. In ihren Erinnerungen behauptete Spitzeder später, sie sei bis zur Verhaftung zahlungsfähig gewesen; erst die erzwungene Schließung habe den Zusammenbruch verursacht.

Was wurde aus Adele Spitzeder?

Nach ihrer Entlassung 1876 versuchte sie sich wieder als Schauspielerin in Altona und Berlin, erhielt dort aber Auftrittsverbote und kehrte nach München zurück. 1878 veröffentlichte sie ihre Geschichte meines Lebens, gründete ein Damenorchester, und 1880 versuchte sie erneut, ein Bankgeschäft zu eröffnen; mangels Zulassung wurde sie sofort wieder verhaftet. Unter dem Namen ihrer Mutter, Adele Vio, trat sie als Volkssängerin auf, ohne Erfolg. Sie starb am 27. Oktober 1895 in München, verarmt und anonym auf dem Alten Südfriedhof begraben.

Ihr Stoff wurde oft erzählt: als Marionettenstück, 1972 als Fernsehspiel von Peer Raben mit Ruth Drexel und 2012 als ARD-Fernsehfilm Die Verführerin Adele Spitzeder mit Birgit Minichmayr. Die Filme stellen wir unter Filme über Betrüger vor.

Die Lektion von MATERIUM: So erkennen Sie dieselbe Falle heute

Spitzeder verbindet zwei Gesetze der Täuschung. Unmögliche Renditen finden immer Leichtgläubige: Das ist das Gesetz von Baldomera Larra, die vier Jahre nach dem Ende der Dachauer Bank in Madrid dasselbe tat, mit 30 % im Monat; ihre Geschichte erzählt die Folge Baldomera Larra. Und Bezahl die Ersten, und sie bringen dir die Nächsten, das Gesetz von Charles Ponzi. Spitzeder fügt ein drittes hinzu: Bar ausgezahlte Zinsen sind die beste Werbung des Betrugs. Alle Gesetze finden Sie unter Die Gesetze der Täuschung.

Die Hebel waren Gier, denn zehn Prozent im Monat sind über 120 Prozent im Jahr, und Vertrauen, gestützt auf Frömmigkeit, Wohltätigkeit und Mundpropaganda unter Nachbarn. Danach kam die Scham: Wer alles verloren hatte, sprach nicht gern darüber. Dieselben Signale finden Sie heute, bei Krypto-Plattformen, „Trading-Gruppen“ in Messengern oder Sachwertangeboten:

  • Die Rendite ist zu hoch und zu glatt. Kein ehrliches Geschäft zahlt jeden Monat dasselbe. Je stabiler die Zahl, desto genauer sollten Sie fragen, woher sie kommt.
  • Die ersten Auszahlungen kommen sofort. Spitzeder zahlte am ersten Tag. Heutige Plattformen lassen kleine Abhebungen zu, damit Sie mehr einzahlen. Eine Auszahlung beweist nicht, dass Ihr Geld noch da ist.
  • Vermittler verdienen an jedem neuen Kunden. Wenn der, der Ihnen das Angebot empfiehlt, eine Provision bekommt, ist er nicht neutral.
  • Wohltätigkeit und Frömmigkeit ersetzen keine Bilanz. Großzügige Spenden, Auftritte in der Gemeinde oder viele Fotos mit Bekannten sagen nichts über die Zahlen.
  • Niemand beaufsichtigt das Geschäft. 1869 gab es keine Aufsicht. Heute gibt es sie, aber Betrüger arbeiten oft ohne Erlaubnis oder aus dem Ausland.

So prüfen Sie es in Deutschland. In der Unternehmensdatenbank der BaFin sehen Sie, ob ein Anbieter eine Erlaubnis für Bank- oder Finanzgeschäfte hat, und in den Warnmeldungen der BaFin, ob vor ihm gewarnt wird; in Österreich prüfen Sie bei der FMA, in der Schweiz bei der FINMA. Die Verbraucherzentrale hilft mit dem Fake-Check Geldanlage und mit Beratung. Wenn Sie schon gezahlt haben, zahlen Sie nichts nach, sichern Sie Belege und erstatten Sie Anzeige bei der Polizei, auch über die Onlinewache. Mehr Signale finden Sie unter Betrug erkennen und unter BaFin-Zulassung prüfen.

Dieser Fall gehört zu unserer Liste der größten Betrugsfälle Deutschlands. Eine eigene Folge von MATERIUM gibt es zu Adele Spitzeder noch nicht; bis dahin finden Sie die ganze Serie auf der Seite der Folgen.

Häufige Fragen

Wer war Adele Spitzeder?

Eine Münchner Schauspielerin (1832-1895), die ab 1869 Ersparnisse gegen zehn Prozent Zinsen im Monat annahm und die Zinsen der Alten mit dem Geld der Neuen bezahlte. Ihre „Dachauer Bank“ brach im November 1872 zusammen; rund 30.000 Menschen, vor allem kleine Leute, verloren ihr Erspartes.

Was war die Dachauer Bank?

Der volkstümliche Name für Adele Spitzeders Geldgeschäft in München, benannt nach den ersten Kunden aus dem Dachauer Umland. Sie war nie im Handelsregister eingetragen und funktionierte als Schneeballsystem: Es gab kein Geschäft, das die Zinsen erwirtschaftete, nur neue Einlagen.

Wie viel Geld hat Adele Spitzeder ergaunert?

Die Quellen messen Verschiedenes. Der Konkursverwalter errechnete laut Historischem Lexikon Bayerns und Neuer Deutscher Biographie eine Überschuldung von über 8 Millionen Gulden bei rund 30.000 Geschädigten; die Süddeutsche Zeitung nennt 32.000 Kunden mit Forderungen von 38 Millionen Gulden. Werte fand der Verwalter nur für rund 15 Prozent der Forderungen.

Wie lange saß Adele Spitzeder im Gefängnis?

Sie wurde 1873 wegen betrügerischen Bankrotts verurteilt, nicht wegen Betrugs. Das Historische Lexikon Bayerns nennt drei Jahre Gefängnis, die Neue Deutsche Biographie drei Jahre und zehn Monate; die Wikipedia erklärt den Unterschied mit zehn Monaten Untersuchungshaft vor dem Urteil. Frei kam sie 1876.

Gibt es einen Film über Adele Spitzeder?

Ja. Der bekannteste ist der Fernsehfilm „Die Verführerin Adele Spitzeder“ von Xaver Schwarzenberger mit Birgit Minichmayr, eine Koproduktion von BR und ORF, die die ARD am 11. Januar 2012 erstmals ausstrahlte. Schon 1972 drehte Peer Raben das Fernsehspiel „Adele Spitzeder“ mit Ruth Drexel.

Gibt es ein Buch über Adele Spitzeder?

Ihre eigenen Erinnerungen, „Geschichte meines Lebens“, erschienen 1878 und wurden 1996 neu aufgelegt. Neuere Bücher sind „Adele Spitzeder: Der größte Bankenbetrug aller Zeiten“ von Julian Nebel (2017) und „Adele Spitzeder – Schauspielerin, Bankgründerin und Betrügerin“ von Marita A. Panzer (2023).

Quellen

Informationsangebot: keine Finanz- oder Rechtsberatung. Vor einer Anlageentscheidung wenden Sie sich an eine zugelassene Fachperson.