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Die größten Betrugsfälle Deutschlands

Veröffentlicht am 21. Oktober 2026 · Überprüft am 28. Oktober 2026 · 6 Min. Lesezeit

Die größten Betrugsfälle Deutschlands reichen von Adele Spitzeders „Dachauer Bank“, die ab 1869 in München zehn Prozent Zinsen im Monat versprach und rund 30.000 Menschen um ihre Ersparnisse brachte, bis zu Wirecard, das 2020 einräumte, dass 1,9 Milliarden Euro wahrscheinlich nicht existierten. Dazwischen liegen der Hauptmann von Köpenick (1906), die gefälschten Hitler-Tagebücher (1983), die Bohrmaschinen von FlowTex, die es nicht gab (aufgeflogen 2000), und die Schiffscontainer von P&R (2018). Hier finden Sie jeden Fall mit dem, was Gerichte und Staatsanwaltschaften festgestellt haben, getrennt nach rechtskräftigen Urteilen und Verfahren ohne Urteil.

Die größten Betrugsfälle Deutschlands in einer Tabelle

FallJahrWas verkauft wurdeGeschädigte und SummeStand der Justiz
Adele Spitzeder1869-1872Zehn Prozent Zinsen im MonatMindestens 30.000 Anleger; Überschuldung über 8 Mio. Gulden1873 wegen betrügerischen Bankrotts verurteilt
Hauptmann von Köpenick1906Eine Uniform und einen Befehl3.557,45 Mark aus der StadtkasseVier Jahre Gefängnis, 1908 begnadigt
Hitler-Tagebücher198362 gefälschte Bände9,3 Mio. DM, die der Stern bezahlteKujau 4 Jahre und 6 Monate, Heidemann 4 Jahre und 8 Monate (1985)
FlowTex1994-20003.142 Bohrmaschinen, die es nicht gabFast 4,2 Mrd. DM SchadenSchmider 11 Jahre und 6 Monate (nach Revision)
P&R2018Schiffscontainer als SachanlageRund 54.000 Anleger, 3,5 Mrd. € eingeworbenAnklage 2019; kein Urteil, der Gründer war verhandlungsunfähig
Wirecard2020Gewinne eines DAX-Konzerns1,9 Mrd. € fehlende Guthaben; Schaden laut Anklage rund 3 Mrd. €Prozess seit 2022, noch kein Urteil; Unschuldsvermutung

Adele Spitzeder (1869-1872): die Bank, die bar auszahlte

Das erste große Schneeballsystem Deutschlands begann mit 100 Gulden. 1869 versprach die verschuldete Schauspielerin Adele Spitzeder in München der Frau eines Zimmermanns zehn Prozent Zinsen im Monat und zahlte ihr zwei Monatszinsen sofort aus, mit deren eigenem Geld. Das sprach sich herum. Ihre Bank, nach den ersten Kunden aus dem Dachauer Umland „Dachauer Bank“ genannt, wurde nie ins Handelsregister eingetragen und nahm auf ihrem Höhepunkt laut Neuer Deutscher Biographie täglich über 60.000 Gulden ein. Eine Finanzaufsicht, die sie hätte stoppen können, gab es nicht.

Am 12. November 1872 brach das System zusammen, als auf behördlichen Druck viele Gläubiger gleichzeitig ihr Geld verlangten. Der Konkursverwalter errechnete eine Überschuldung von über 8 Millionen Gulden bei rund 30.000 Geschädigten; die Süddeutsche Zeitung nennt 32.000 Kunden mit Forderungen von 38 Millionen Gulden. Die ganze Geschichte erzählen wir im Fall Adele Spitzeder.

Der Hauptmann von Köpenick (1906): die Macht einer Uniform

Am 16. Oktober 1906 stellte sich der vorbestrafte Schuster Wilhelm Voigt in Hauptmannsuniform vor einen Trupp Soldaten, fuhr mit ihnen nach Cöpenick bei Berlin, besetzte das Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften und ließ sich die Stadtkasse aushändigen: 3.557,45 Mark. Niemand fragte nach seinem Befehl. Das Landgericht II in Berlin verurteilte ihn zu vier Jahren Gefängnis, Kaiser Wilhelm II. begnadigte ihn, und am 16. August 1908 kam er frei. Die „Köpenickiade“ ging in die deutsche Sprache ein. Mehr in unserer Liste der berühmten Hochstapler.

Die Hitler-Tagebücher (1983): der Wunsch, dass es wahr ist

Am 25. April 1983 verkündete der Stern, die geheimen Tagebücher Adolf Hitlers zu besitzen, und begann drei Tage später mit dem Abdruck, ohne das Gutachten des Bundeskriminalamts abzuwarten. Am 6. Mai stand fest: Die 62 Bände, für die der Verlag 9,3 Millionen DM bezahlt hatte, waren gefälscht. Der Maler Konrad Kujau hatte sie geschrieben, der Reporter Gerd Heidemann sie beschafft. Das Landgericht Hamburg verurteilte Kujau am 8. Juli 1985 wegen Betrugs zu vier Jahren und sechs Monaten, Heidemann zu vier Jahren und acht Monaten, weil er nach Überzeugung des Gerichts einen Millionenbetrag des Stern unterschlagen hatte. Das Gericht wertete ein erhebliches Mitverschulden von Verlag und Redaktion als strafmildernd. Historiker hatten die Echtheit zunächst bestätigt: Wer etwas unbedingt glauben will, prüft schlechter.

FlowTex (1994-2000): Maschinen, die nur auf dem Papier existierten

FlowTex aus Ettlingen in Baden verkaufte Horizontalbohrmaschinen für den Leitungsbau an Leasinggesellschaften und Banken und leaste sie sofort zurück. Von 3.142 verkauften Maschinen gab es nur rund 270 wirklich. Weil jede Leasingrate neue Scheinverkäufe brauchte, funktionierte das wie ein Schneeballsystem; vor Prüfungen wurden die Typenschilder mit neuen Seriennummern auf dieselben Geräte geklebt. Im Tatzeitraum von 1994 bis 1999 entstand ein Schaden von fast 4,2 Milliarden DM. 2002 verurteilte das Landgericht Mannheim die Verantwortlichen zu sechs bis zwölf Jahren Haft; Gründer Manfred Schmider erhielt nach seiner Revision 11 Jahre und 6 Monate. Ein Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags befasste sich mit der Frage, ob Betriebsprüfer des Finanzamts den Betrug gekannt und geschwiegen hatten.

P&R (2018): Container, die nie gekauft wurden

Der Containeranbieter aus Grünwald bei München verkaufte seit 1975 Schiffscontainer an Privatanleger, mietete sie sofort zurück und versprach Miete und einen Rückkaufpreis. Ab 2007, so die Staatsanwaltschaft München I, wurden mehr Container verkauft, als vorhanden waren, und Gelder neuer Anleger zur Bezahlung der alten verwendet; beim Zusammenbruch im März 2018 lag der Fehlbestand bei mehr als 60 %. Den rund 54.000 Anlegern, die zusammen 3,5 Milliarden Euro investiert hatten, standen statt 1,6 Millionen nur rund 618.000 Container gegenüber. Die Staatsanwaltschaft klagte den Gründer Heinz Roth 2019 wegen gewerbsmäßigen Betrugs an; das Landgericht München I erklärte ihn im Juli 2019 für verhandlungsunfähig, im Dezember 2019 starb er. Ein Urteil gibt es deshalb nicht. Wie das System funktionierte, erklären wir unter Schneeballsystem.

Wirecard (2020): ein DAX-Konzern ohne Geld

Am 18. Juni 2020 musste der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München einräumen, dass sein Wirtschaftsprüfer EY keine ausreichenden Nachweise für Guthaben von 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten erhalten hatte; vier Tage später teilte Wirecard mit, diese Guthaben existierten „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit“ nicht, und am 25. Juni meldete der Konzern Insolvenz an. Die Staatsanwaltschaft München I wirft dem früheren Vorstandschef Markus Braun und zwei weiteren Managern vor, ertragreiche Geschäfte vor allem in Asien erfunden zu haben, um Anleger und kreditgebende Banken zu täuschen. Braun bestreitet das. Der Prozess läuft seit Dezember 2022; ein Urteil gibt es noch nicht, und es gilt die Unschuldsvermutung. Der frühere Vorstand Jan Marsalek wird mit Haftbefehl gesucht. Alles Weitere im Wirecard-Skandal.

Fälle, die oft mit Betrug verwechselt werden

Nicht jede Anlegerpleite ist ein bewiesener Betrug. Zwei bekannte Beispiele, die man trennen sollte:

  • Göttinger Gruppe (bis 2007). Der Finanzkonzern verkaufte ab 1987 stille Beteiligungen als Altersvorsorge; nach Angaben aus dem Insolvenzverfahren meldeten 37.600 Gläubiger Forderungen über 826 Millionen Euro an. Die BaFin verhängte 2005 ein Zahlungsverbot wegen unerlaubter Bankgeschäfte. Strafrechtlich wurde daraus kein Schneeballsystem-Urteil: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig stellte ein Verfahren 2002 ein, und das Landgericht Braunschweig sprach zwei Verantwortliche 2013 im Wesentlichen vom Vorwurf des Kapitalanlagebetrugs und der Untreue frei; verurteilt wurden sie nur wegen einer falschen Angabe zum Vertrieb, zu je 4.500 Euro.
  • Prokon (2014). Der Windkraftfinanzierer aus Itzehoe hatte 1,4 Milliarden Euro über Genussrechte eingesammelt und stellte am 22. Januar 2014 Insolvenzantrag. Kritiker sprachen schon Jahre vorher von einem Schneeballsystem, und die Staatsanwaltschaft Lübeck ermittelte gegen frühere Verantwortliche. Eine Verurteilung wegen Betrugs ist uns nicht bekannt; das Unternehmen besteht seit 2015 als Genossenschaft weiter.

Ohne ein Urteil, das wir zitieren können, gehören sie nicht in die Tabelle. Sie zeigen aber dieselbe Lücke wie Spitzeder: Angebote, die wie ein Sparbuch wirken, aber nicht die Regeln eines Sparbuchs haben.

Was haben die deutschen Betrugsfälle gemeinsam?

Dass fast immer eine Instanz mitgespielt hat, die Vertrauen verlieh. Bei Spitzeder waren es fromme Gesten und bestochene Zeitungen, beim Hauptmann die Uniform, bei den Tagebüchern ein großes Magazin und anerkannte Historiker, bei FlowTex Banken und Prüfsiegel, bei P&R Volksbanken, Sparkassen und Berater, die die Container empfahlen, bei Wirecard der DAX, ein großer Wirtschaftsprüfer und eine Aufsicht, die 2019 Leerverkäufe der Aktie verbot und Strafanzeige gegen Journalisten der Financial Times erstattete, die über Unstimmigkeiten berichtet hatten.

Zwei Gesetze der Täuschung fassen das zusammen: Ansehen ist das beste Alibi (das von Bernard Madoff) und Bezahl die Ersten, und sie bringen dir die Nächsten (das von Charles Ponzi), das Spitzeder rund 50 Jahre vor ihm anwendete. Alle sechzehn finden Sie unter Die Gesetze der Täuschung.

So schützen Sie sich heute in Deutschland

Die Masken von damals sind heute Kryptoplattformen, „Sachwerte“ mit Rückkaufgarantie und Anzeigen mit falschen Promis. Die Prüfung bleibt dieselbe:

  • Zulassung prüfen. In der Unternehmensdatenbank der BaFin sehen Sie, ob ein Anbieter eine Erlaubnis hat; in den Warnmeldungen, ob die BaFin vor ihm warnt. In Österreich prüfen Sie bei der FMA, in der Schweiz bei der FINMA.
  • Den Sachwert sehen wollen. Container, Maschinen, Gold: Wenn Sie das Objekt nie sehen und kein unabhängiger Dritter seine Existenz bestätigt, verlassen Sie sich nur auf das Wort des Verkäufers.
  • Rendite hinterfragen. Zehn Prozent im Monat waren 1869 unmöglich und sind es heute. Eine Rendite, die nie schwankt, ist ein Warnsignal, keine Garantie.
  • Hilfe holen. Die Verbraucherzentrale bietet den Fake-Check Geldanlage und Beratung. Wer schon gezahlt hat, erstattet Anzeige bei der Polizei, auch über die Onlinewache.

Die Liste aller Warnsignale finden Sie unter Betrug erkennen, die Prüfung Schritt für Schritt unter BaFin-Zulassung prüfen und die Summen im internationalen Vergleich unter Die größten Betrugsfälle aller Zeiten, nach Schadenssumme. Die großen Fälle aus aller Welt erzählt die Serie MATERIUM auf der Seite der Folgen.

Häufige Fragen

Was ist der größte Betrugsfall Deutschlands?

Gemessen an den Summen Wirecard: Der DAX-Konzern räumte im Juni 2020 ein, dass 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten wahrscheinlich nicht existierten, und die Anklage beziffert den Schaden auf rund 3 Milliarden Euro. Der Strafprozess ist aber nicht abgeschlossen, es gilt die Unschuldsvermutung. Unter den Fällen mit rechtskräftigem Urteil ist FlowTex der größte: fast 4,2 Milliarden DM Schaden, 11 Jahre und 6 Monate Haft für den Gründer.

Wer ist der größte Betrüger Deutschlands?

Historisch wird meist Adele Spitzeder genannt, die ab 1869 in München mit zehn Prozent Zinsen im Monat rund 30.000 Menschen um ihre Ersparnisse brachte. Der bekannteste Hochstapler ist der Hauptmann von Köpenick, Wilhelm Voigt (1906), der bekannteste Fälscher Konrad Kujau mit den Hitler-Tagebüchern (1983). Die längste Haftstrafe dieser Liste erhielt der FlowTex-Gründer Manfred Schmider.

Was war das erste Schneeballsystem in Deutschland?

Die „Dachauer Bank“ der Schauspielerin Adele Spitzeder in München, ab 1869. Sie zahlte die Zinsen der alten Einleger mit dem Geld der neuen, bis die Bank im November 1872 zusammenbrach. Die Wikipedia nennt sie das erste aktenkundige Ponzi-System in Deutschland und vermutlich der Welt.

Ist Markus Braun verurteilt?

Nein, Stand Oktober 2026 nicht. Der Strafprozess gegen den früheren Wirecard-Chef und zwei weitere Manager läuft seit dem 8. Dezember 2022 vor dem Landgericht München I; Braun sitzt seit Juli 2020 in Untersuchungshaft, bestreitet die Vorwürfe, und es gilt die Unschuldsvermutung. Nach Angaben des Gerichts sollen die Plädoyers im November folgen.

Was tun, wenn ich in Deutschland betrogen wurde?

Zahlen Sie nichts mehr, sichern Sie alle Unterlagen und Chats und prüfen Sie in der Unternehmensdatenbank und den Warnmeldungen der BaFin, ob der Anbieter zugelassen ist. Erstatten Sie Anzeige bei der Polizei, auch über die Onlinewache Ihres Bundeslandes, und lassen Sie sich bei der Verbraucherzentrale beraten. Misstrauen Sie Angeboten, die verlorenes Geld gegen Vorkasse zurückholen wollen.

Quellen

Informationsangebot: keine Finanz- oder Rechtsberatung. Vor einer Anlageentscheidung wenden Sie sich an eine zugelassene Fachperson.