1. MATERIUM
  2. Fälle
  3. Simon Leviev (der Tinder-Schwindler)
Folge 9 · Simon Leviev (der Tinder-Schwindler)

Simon Leviev, der Tinder-Schwindler

Veröffentlicht am 20. Oktober 2026 · Überprüft am 3. November 2026 · 7 Min. Lesezeit

Simon Leviev (der Tinder-Schwindler)

Simon Leviev, der „Tinder-Schwindler“, ist der Israeli Shimon Yehuda Hayut, Jahrgang 1990. Zwischen 2017 und 2019 lernte er über Tinder Frauen kennen, gab sich als Erbe eines Diamantenmagnaten aus und überredete sie nach Aussage seiner Opfer, Kredite auf ihren eigenen Namen aufzunehmen. Mit diesem Geld bezahlte er den Luxus, mit dem er die nächsten für sich gewann. Aufgedeckt hat ihn 2019 die norwegische Zeitung VG, 2022 erzählte Netflix die Geschichte. Zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung stand er für diese Taten nie vor Gericht: Seine bekannten Verurteilungen stammen aus Finnland (2015) und aus Israel (2019, wegen eines alten Scheckfalls). Er bestreitet, irgendjemandem Geld abgenommen zu haben.

In 30 Sekunden

  • Hayut ließ seinen Namen offiziell in Simon Leviev ändern, nach dem Diamantenmagnaten Lev Leviev, mit dem er nicht verwandt ist.
  • Nach Aussage der Opfer und der VG-Recherche bezahlte das Geld, das ihm eine Frau lieh, die Flüge, Hotels und Jets, mit denen er die nächste eroberte.
  • 2019 wurde er in Griechenland wegen eines gefälschten Passes festgenommen; in Israel akzeptierte er 15 Monate Haft in einem Scheckfall von 2011 und kam nach fünf frei.
  • Die Netflix-Doku kam in 28 Tagen auf 166 Millionen Abrufstunden. Er selbst nennt sie einen „erfundenen Film“.

Chronologie

  1. Shimon Yehuda Hayut wird in Bnei Brak (Israel) als Sohn eines Rabbiners geboren.

  2. Israel klagt ihn wegen Diebstahls und Scheckfälschung an; vor dem Prozess flieht er außer Landes.

  3. Ein Gericht in Helsinki verurteilt ihn wegen schweren Betrugs an drei Frauen.

  4. Er lernt über Tinder in London Cecilie Fjellhøy kennen und lädt sie in seinen Jet ein.

  5. Die norwegische Zeitung VG veröffentlicht die Recherche „Der Tinder-Schwindler“.

  6. Er wird in Griechenland wegen eines gefälschten Passes festgenommen und nach Israel ausgeliefert.

  7. In Israel akzeptiert er 15 Monate Haft im Scheckfall; nach fünf kommt er frei.

  8. Netflix veröffentlicht die Doku „Der Tinder-Schwindler“.

  9. Festnahme in Batumi (Georgien) aufgrund eines Ersuchens aus Deutschland; zwei Monate später ist er frei.

  10. Die Familie des Magnaten Lev Leviev zieht ihre Klage in Tel Aviv wegen der Nutzung des Namens zurück.

Wer ist Simon Leviev? Von Bnei Brak zum „Prinzen der Diamanten“

Shimon Yehuda Hayut wurde 1990 in Bnei Brak geboren, einer ultraorthodoxen Stadt bei Tel Aviv, als Sohn eines Rabbiners. Nach der Recherche von VG nutzte er schon als Jugendlicher, als er in Brooklyn bei Bekannten der Familie wohnte, die Kreditkarte des Hausherrn, um sich Flüge in der ersten Klasse, Hotels und Luxuseinkäufe zu bezahlen.

2011 klagte ihn die israelische Justiz wegen Diebstahls, Fälschung und Betrugs an: Laut Anklage ging es um Schecks, die er einer Familie gestohlen hatte, für die er als Babysitter arbeitete. Zum Prozess erschien er nicht; er verließ das Land mit gefälschten Papieren. In Finnland wiederholte er ein Muster, das später berühmt werden sollte: Er lernte eine Frau kennen, richtete sich in ihrem Leben ein, und das Geld, das er zurückzahlen sollte, war „immer unterwegs“. 2015 verurteilte ihn ein Gericht in Helsinki wegen schweren Betrugs an drei Frauen. Nach Israel abgeschoben, tauchte er erneut unter.

Als er wieder auftauchte, hieß er offiziell Simon Leviev. Er beharrt darauf, dass er heißen dürfe, wie er wolle, und nie behauptet habe, irgendjemandes Sohn zu sein. Nach Aussagen von Zeugen, die die Presse zitiert, zeigte er aber Dokumente und Fotos, die genau diesen Eindruck erweckten.

Wie lief die Masche? Ein Jet, ein Kaffee und jeden Morgen eine Nachricht

Im Januar 2018 hatte Cecilie Fjellhøy, eine 29-jährige Norwegerin, die in London studierte, auf Tinder ein Match mit einem Mann mit Sonnenbrille, Jets und Hotels. Das erste Date war ein Kaffee im Four Seasons. Noch am selben Nachmittag lud er sie nach ihrer Schilderung ein, mit seinem Privatjet nach Sofia zu fliegen, an Bord ein Leibwächter, ein Geschäftspartner und eine Sekretärin. So viele Menschen um ihn herum gaben ihr Sicherheit.

Dann kamen die Guten-Morgen-Nachrichten, jeden Tag, und die Pläne, gemeinsam eine Wohnung in London zu mieten. Er schenkte ihr keine Handtaschen, er schenkte ihr Beständigkeit. Das ist der Mechanismus jedes Love-Scams: Zuerst wird eine Beziehung aufgebaut, dann taucht die Notlage auf.

Nach wenigen Wochen, so zeigen es die Nachrichten, die VG veröffentlichte, erklärte Leviev, seine „Feinde“ bedrohten ihn und verfolgten seine Kreditkarten. Er schickte ihr ein Foto seines blutverschmierten Leibwächters und bat sie um Geld. Cecilie beantragte Kreditkarten und nahm bei mehreren Banken Kredite auf ihren Namen auf. Er schickte ihr einen Überweisungsbeleg, um alles zurückzuzahlen; der Beleg war gefälscht. Sie schätzt, dass sie rund 250.000 Dollar verlor.

Wie funktionierte es? Ein Schneeballsystem im Gewand einer Romanze

Als VG Cecilies Kontoauszüge durchsah, fand die Zeitung etwas, das sie nicht gekauft hatte: Flugtickets für andere Frauen. Eine davon war die Schwedin Pernilla Sjöholm, die ihn 2018 auf Tinder kennengelernt hatte und mit der er eine Reisefreundschaft quer durch Europa pflegte. Monate später bat er sie um einen Kredit über mehr als 400.000 schwedische Kronen. Eine andere war die Niederländerin Ayleen Charlotte, über ein Jahr lang seine Partnerin, die nach eigener Aussage Kredite aufnahm und rund 140.000 Dollar verlor.

Die Struktur ist die eines Schneeballsystems, übertragen auf ein Date: Das Geld des neuen Opfers bezahlt den Luxus, der die nächste verliebt macht. Deshalb kann es nicht aufhören: Ohne eine Nächste gibt es keinen Jet. Die Presse spricht von insgesamt rund 10 Millionen Dollar, doch das ist eine Schätzung ohne gerichtliche Belege; für die „100 Millionen“, die im Internet kursieren, gibt es keine seriöse Quelle.

Wie flog er auf? VG, die falsche Uhr und die loyale Freundin

Cecilie zeigte ihn in Norwegen und in Großbritannien an und wandte sich an eine Zeitung. VG war ihm monatelang auf der Spur. Pernilla willigte ein, ihn wiederzusehen, und als er ihr eine Uhr als Pfand dafür gab, dass er das Geld zurückzahlen werde, bestätigte ein Uhrmacher in Stockholm, dass sie gefälscht war. Die Reportage erschien im Februar 2019.

Ayleen las den Artikel und erkannte sich in jeder Zeile wieder. Sie trennte sich nicht von ihm: Sie blieb an seiner Seite und gab der Polizei den Namen in seinem gefälschten Pass. Ende Juni 2019 wurde er in Griechenland festgenommen. Nach Israel ausgeliefert, akzeptierte er im Dezember 2019 eine Absprache im alten Scheckfall: 15 Monate Haft. Im Mai 2020 kam er nach fünf Monaten frei. Für das, was Cecilie, Pernilla und Ayleen erzählt hatten, gab es keine Anklage. Die Regisseurin der Doku, Felicity Morris, erklärte es so: Für die Behörden waren es kleine Delikte, jedes in einem anderen Land. Niemand zählte sie zusammen.

Was geschah danach? Netflix, Georgien und eine Dating-App

Am 2. Februar 2022 veröffentlichte Netflix Der Tinder-Schwindler, der in 28 Tagen auf 166 Millionen Abrufstunden kam. Tinder sperrte ihn. Er eröffnete ein Konto bei Cameo, der Plattform für Videobotschaften von Prominenten, und erklärte im Fernsehen, er sei nur ein Single, der Frauen kennenlernen wolle, und die Doku sei „ein erfundener Film“. Im israelischen Fernsehen sagte er: „Ich habe ihnen nie einen Cent abgenommen.“

Die Schulden liefen weiter auf die Namen der Frauen. Die drei starteten eine Spendensammlung, um sie zu tilgen; Cecilie musste in Großbritannien sogar Privatinsolvenz anmelden. Zum Verlust des Geldes kam der Spott in den sozialen Netzwerken. Diese Scham, vertraut zu haben, ist einer der Gründe, warum viele Opfer von Love-Scams keine Anzeige erstatten.

Im September 2025 wurde er am Flughafen von Batumi in Georgien festgenommen, aufgrund einer Red Notice von Interpol, die Deutschland beantragt hatte. Laut seiner Anwältin ging es um die Anzeige einer Berlinerin, die ihm vorwarf, sie um bis zu 50.000 Euro betrogen zu haben; das Verfahren sei „aus Mangel an Beweisen“ eingestellt worden, berichteten ORF und Tagesspiegel. Zwei Monate nach der Festnahme kam er ohne Auflagen frei. Im Juli 2026 zog die Familie des Magnaten Lev Leviev laut The Jerusalem Post ihre Klage zurück, die sie in Tel Aviv wegen der Nutzung ihres Namens eingereicht hatte, nachdem das Gericht Zweifel an seiner Zuständigkeit geäußert hatte; er verpflichtete sich, sich nicht als Mitglied dieser Familie auszugeben. Im Oktober 2026 kündigte er eine Dating-App an, die nach seinen Worten „betrugssicher“ sein soll.

Gesetz der Täuschung Nr. 9: So erkennen Sie dieselbe Falle heute

Das neunte Gesetz im Handbuch der Täuschung lautet: Den Reichtum, den man dir zeigt, bezahlt das vorige Opfer. Jet, Hotel und Leibwächter waren nicht der Beweis eines Vermögens, sondern der Köder, bezahlt mit dem Geld einer anderen. Es funktionierte über das Vertrauen einer Beziehung und wurde durch die Scham der Opfer geschützt.

Die polizeiliche Kriminalprävention beschreibt dasselbe Muster beim Love-Scamming in Deutschland: Liebesbekundungen und tägliche Aufmerksamkeit, dann eine plötzliche Notlage, die nur mit Geld zu lösen ist. Die Signale wiederholen sich:

  • Luxus vom ersten Tag an. Fotos von Jets, Autos und Hotels und ein Leben, das für eine Dating-App zu perfekt wirkt.
  • Treffen, die verschoben werden. Ständige Reisen, dringende „Geschäfte“, Sicherheitsgründe, um sich nicht zu sehen oder keine Spuren zu hinterlassen.
  • Eine plötzliche Krise. Drohungen, ein Unfall, ein gesperrtes Konto: immer etwas, das nur Ihr Geld lösen kann.
  • Kredite auf Ihren Namen. Niemand, der Sie liebt, bittet Sie, sich für ihn zu verschulden. Kommt das Geld aus Ihrem Kredit, sind die Schulden Ihre.
  • Belege, die Sie nicht prüfen können. Ein Screenshot einer Überweisung ist keine Überweisung.

Was Sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz tun können. Bevor Sie Geld schicken, sprechen Sie mit einem Menschen Ihres Vertrauens außerhalb der Beziehung. Haben Sie bereits gezahlt, informieren Sie sofort Ihre Bank, um die Zahlung möglichst zu stoppen, sichern Sie Chatverläufe, E-Mails und Zahlungsbelege und erstatten Sie Anzeige bei der Polizei, in Deutschland auch über die Onlinewache Ihres Bundeslandes; in Österreich und der Schweiz bei jeder Polizeidienststelle. Die Verbraucherzentrale berät, wenn es um Kredite und Schulden geht. Sollte es um eine angebliche „Geldanlage“ gehen, prüfen Sie den Anbieter zusätzlich in der Unternehmensdatenbank der BaFin (in Österreich bei der FMA, in der Schweiz bei der FINMA). Und wenn Ihnen jemand anbietet, das verlorene Geld gegen eine Gebühr zurückzuholen, seien Sie misstrauisch: Das ist der zweite Betrug, ein Recovery-Scam. Die Schritte finden Sie in unseren Leitfäden Betrogen – was tun? und Betrug erkennen.

Die ganze Folge ansehen

Die Geschichte, die Netflix nicht erzählt hat, mit der Buchführung darüber, wer welche Reise bezahlte, und dem, was bis 2026 aus ihm wurde, ist Folge 9 von MATERIUM.

Die ganze FolgeDer Tinder-Schwindler: Was Netflix dir nicht erzählt hat Premiere auf YouTube am 13. November

Häufige Fragen

Gibt es den Tinder-Schwindler wirklich?

Ja. Er heißt Shimon Yehuda Hayut, wurde 1990 in Israel geboren und ließ seinen Namen offiziell in Simon Leviev ändern. Seine Geschichte recherchierte 2019 die norwegische Zeitung VG; 2022 erzählte sie die Netflix-Doku „Der Tinder-Schwindler“.

Wo ist Simon Leviev heute?

Zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung ist er auf freiem Fuß. Im September 2025 wurde er in Georgien aufgrund eines Ersuchens aus Deutschland festgenommen, kam aber zwei Monate später frei; im Juli 2026 wurde die Klage der Familie Leviev gegen ihn in Tel Aviv zurückgezogen. Im Oktober 2026 stellte er eine Dating-App vor.

Wurde Simon Leviev für den Betrug an den Frauen aus der Doku verurteilt?

Nein. Seine bekannten Verurteilungen stammen aus Finnland (2015, Betrug an drei Frauen) und aus Israel (2019, ein Scheckfall von 2011). Für das, was Cecilie, Pernilla und Ayleen in der Doku schildern, stand er nie vor Gericht. Er bestreitet, ihnen Geld abgenommen zu haben.

Wie viel Geld verloren die Opfer des Tinder-Schwindlers?

Cecilie Fjellhøy gab an, rund 250.000 Dollar an Krediten verloren zu haben, Ayleen Charlotte rund 140.000 und Pernilla Sjöholm mehr als 400.000 schwedische Kronen. Die Gesamtsumme von etwa 10 Millionen Dollar ist eine Schätzung der Presse.

Warum wurde Simon Leviev in Georgien festgenommen?

Wegen einer Red Notice von Interpol, die Deutschland beantragt hatte; laut seiner Anwältin ging es um die Anzeige einer Berlinerin, die ihm vorwarf, sie um bis zu 50.000 Euro betrogen zu haben. Nach Angaben der Anwältin wurde dieses Verfahren „aus Mangel an Beweisen“ eingestellt, und er kam im November 2025 ohne Auflagen frei.

Quellen