Betrug an Senioren greift fast nie den Verstand an, sondern Eile, Angst und Zuneigung. Der falsche Enkel am Telefon, der Schockanruf nach einem angeblichen Unfall, der falsche Polizist oder der Promi, der eine Geldanlage empfiehlt: Alle funktionieren, weil sie eine Zahlung verlangen, bevor jemand prüft. Der beste Schutz besteht nicht darin, Ihre Eltern zu überwachen, sondern in der Familie darüber zu sprechen, ohne jemanden bloßzustellen, und zwei oder drei einfache Regeln zu vereinbaren, etwa ein Familien-Kennwort und das Prinzip „auflegen und unter der bekannten Nummer zurückrufen“.
Das Problem ist groß. In den USA gingen beim FBI 2023 101.068 Anzeigen von Menschen über 60 ein, mit Verlusten von 3,4 Milliarden Dollar, fast 11 % mehr als im Vorjahr. Rund 5.920 Menschen verloren jeweils mehr als 100.000 Dollar.
Die Maschen, die ältere Menschen am härtesten treffen
- Der Enkeltrick. Jemand ruft an, meldet sich nicht mit Namen und lässt raten, wer spricht. Wer den Namen eines Enkels nennt, liefert dem Betrüger die Rolle. Die Polizei rät: Raten Sie nicht, wer anruft, sondern fordern Sie den Anrufer auf, seinen Namen selbst zu nennen. Heute kommt dieselbe Masche oft per Messenger: „Hallo Mama, hallo Papa, das ist meine neue Handynummer …“, dann folgt eine dringende Rechnung. Die Details stehen unter WhatsApp-Betrug erkennen.
- Der Schockanruf. Ein angeblicher Angehöriger, Polizist oder Staatsanwalt behauptet, der Sohn oder die Enkelin habe einen schweren Unfall verursacht und komme nur gegen eine Kaution in bar oder in Schmuck nicht in Haft, oder brauche Geld für eine lebensrettende Operation. Laut Polizei werden Betroffene am Handy teils bis zur Geldübergabe in der Leitung gehalten, damit sie mit niemandem sprechen können.
- Falsche Polizisten. Am Telefon geben sich Betrüger als Polizeibeamte aus und wollen Bargeld oder Wertsachen „in Sicherheit bringen“. Die Polizei stellt klar: Echte Polizeibeamte fragen niemals nach Bargeld oder Schmuck und verwahren nie Geld oder Wertgegenstände für Bürgerinnen und Bürger.
- Falsche Bankmitarbeiter und falsche Behörden. Ein Anruf, bei dem auf dem Display sogar eine echte Nummer erscheint. Die BaFin warnte 2026 vor Anrufen, bei denen Betrüger per Call-ID-Spoofing die Nummer ihres eigenen Verbrauchertelefons anzeigen ließen. Verlangt werden Zugangsdaten, Codes oder die Installation einer App.
- Die Promi-Geldanlage. Eine Anzeige mit dem Gesicht eines bekannten Moderators, der Gewinne mit einer Plattform verspricht. Die Verbraucherzentrale nennt Namen wie Günther Jauch oder Dieter Bohlen, die dafür missbraucht werden. Mehr unter Fake-Werbung mit Promis.
- Die Online-Bekanntschaft. Jemand Freundliches taucht in sozialen Netzwerken auf, kann sich nie persönlich treffen und hat eines Tages ein Geldproblem. Das ist der Love Scam, und er trifft auch Verwitwete und Alleinstehende.
Wie Sie in der Familie darüber sprechen, ohne zu beschämen
Scham ist der beste Verbündete des Betrügers: Sie sorgt dafür, dass das Opfer schweigt, bis es zu spät ist. Deshalb ist das Wie genauso wichtig wie das Was.
- Sprechen Sie über Betrug, nicht über Fehler. „Ich habe gelesen, dass gerade falsche Polizisten anrufen“ wirkt besser als „Du bist viel zu gutgläubig“.
- Erzählen Sie, was Ihnen selbst begegnet ist. Zeigen Sie eine falsche SMS, die Sie bekommen haben. So wird klar: Das passiert allen.
- Fragen Sie nach ihrer Meinung. Was würde sie tun, wenn „die Bank“ anruft? Die Antwort sagt Ihnen mehr als jede Predigt.
- Nehmen Sie keine Selbstständigkeit weg. Es geht nicht darum, die Karte wegzunehmen oder das Handy zu kontrollieren, sondern darum, dass es vor dem Zahlen jemanden zum Anrufen gibt.
- Wiederholen Sie es geduldig. Ein Gespräch reicht nicht. Reden Sie über neue Maschen, wenn sie in den Nachrichten auftauchen, so wie man über das Wetter redet.
Einfache Regeln für die ganze Familie
Am besten wirken Regeln, die für alle gelten, auch für Kinder und Enkel. So fühlt sich niemand vorgeführt.
- Ein Familien-Kennwort. Die Polizei empfiehlt, innerhalb der Familie ein Kennwort zur Identifizierung am Telefon zu vereinbaren. Wer im Namen eines Angehörigen Geld verlangt, wird danach gefragt. Wer es nicht kennt, ist nicht der, der er vorgibt zu sein.
- Auflegen und zurückrufen. Bei jedem dringenden Anruf oder jeder Nachricht von der Bank, einem Kind oder der Polizei wird aufgelegt und die bekannte Nummer angerufen, die im Telefonbuch oder auf der Karte steht. „Legen Sie sofort auf! Das ist nicht unhöflich“, schreibt die Polizei.
- Keine dringende Zahlung ohne zweite Stimme. Jede Überweisung und jede Zahlung für etwas Unerwartetes wartet, bis man mit einem anderen Familienmitglied gesprochen hat. Ist die Sache echt, kann sie zehn Minuten warten.
- Codes werden nie weitergegeben. Der Code aus der SMS ist wie der Haustürschlüssel: Man gibt ihn niemandem, der anruft, auch wenn er sagt, er sei von der Bank.
- Keine Programme auf Zuruf installieren. Keine Bank und kein seriöser Techniker verlangt, während eines Anrufs eine App zu installieren.
- Kontoumsätze im Blick. Die BaFin rät, die Kontoumsätze regelmäßig zu kontrollieren und unberechtigte Abbuchungen sofort der Bank zu melden. Aktivieren Sie in der Banking-App Benachrichtigungen für jede Buchung.
Ein weiterer Tipp der Polizei: den Vornamen im Telefonbucheintrag kürzen oder den Eintrag ganz löschen lassen und sparsam mit den eigenen Daten sein. Aus demselben Grund sollte das Profilbild im Messenger nur für gespeicherte Kontakte sichtbar sein: Sonst können Betrüger daran ablesen, ob jemand wegen seines Alters ein „geeignetes“ Opfer ist. Schreiben Sie die Regeln auf einen Zettel neben dem Telefon, zusammen mit den Vertrauensnummern: die der Bank, die der Kinder, die 110 bei einem verdächtigen Anruf und den Sperr-Notruf 116 116, rund um die Uhr erreichbar, um Karten und Online-Banking zu sperren.
Anzeichen, dass ein älterer Angehöriger betrogen wird
- Er bekommt mehr Anrufe als sonst oder wird nervös, wenn das Telefon klingelt.
- Er spricht von einer „sehr guten“ Geldanlage, die er nicht erklären kann, oder von einer neuen Internet-Bekanntschaft, die er nie getroffen hat.
- Er hebt ungewöhnlich viel Bargeld ab, überweist ungewohnte Beträge oder leiht sich Geld.
- Man hat ihm gesagt, er solle niemandem davon erzählen, nicht einmal der Bank.
Wenn es schon passiert ist
Zuerst Ruhe und keine Schuldzuweisung. Dann machen Sie die Anrufe gemeinsam: bei der Bank, um die Zahlung möglichst zu stoppen, und bei der Polizei, um Anzeige zu erstatten, auch online über die Onlinewache des Bundeslandes. Die Polizei bittet ausdrücklich darum, auch vollendete Taten anzuzeigen: Das hilft, Zusammenhänge zu erkennen und die Täter zu überführen. Alle Schritte finden Sie unter Betrogen worden – was tun?. Und Vorsicht vor jedem, der danach anruft und anbietet, das Geld gegen eine Zahlung zurückzuholen: Die BaFin warnt, dass sich nach einem Betrug oft weitere Kriminelle als Helfer ausgeben. Das ist der nächste Betrug.
Derselbe Trick, ein Jahrhundert alt
Allen Stanford suchte keine Spekulanten, sondern Sparer: Familien, viele davon aus Venezuela, die einen sicheren Hafen für das Geld eines ganzen Lebens suchten. Er bot ihnen Einlagenzertifikate mit fast doppelt so hohen Zinsen wie bei einer US-Bank. Das Gesetz der Täuschung Nr. 7 fasst es zusammen: „Die Angst des Sparers ist das Kapital des Betrügers.“
Und die Waffe der Geheimhaltung ist noch älter. 1925 überzeugte Victor Lustig die Pariser Schrotthändler, der Verkauf des Eiffelturms sei vertraulich. Deshalb rief niemand an, um nachzufragen. Wenn ein Betrüger heute sagt „Erzählen Sie das nicht Ihren Kindern“, benutzt er denselben Trick. Die einfachste Familienregel entschärft ihn: In dieser Familie werden Geldgeheimnisse erzählt.
Um alle Warnsignale in Ruhe gemeinsam durchzugehen, gibt es den Betrugs-Check von MATERIUM: Er läuft im Browser und speichert nichts.
Häufige Fragen
Welche Betrugsmaschen treffen ältere Menschen am häufigsten?
Der Enkeltrick per Telefon oder Messenger, der Schockanruf mit einem angeblichen Unfall, falsche Polizisten und falsche Bankmitarbeiter, Fake-Werbung mit Promis für Geldanlagen und Online-Bekanntschaften, die am Ende um Geld bitten. Alle arbeiten mit Eile, Angst oder Zuneigung, damit gezahlt wird, bevor jemand prüft.
Wie schütze ich meine Eltern vor Betrug, ohne sie zu bevormunden?
Sprechen Sie über Betrug im Allgemeinen, nicht über ihre Fehler; erzählen Sie, was Ihnen selbst begegnet ist; und schlagen Sie Regeln vor, die für die ganze Familie gelten, etwa ein Kennwort oder das Prinzip „auflegen und unter der bekannten Nummer zurückrufen“. Ziel ist, dass man Sie vor dem Zahlen anruft, nicht, Ihre Eltern zu überwachen.
Warum suchen sich Betrüger ältere Menschen aus?
Weil sie oft Ersparnisse haben, ans Telefon gehen, Institutionen vertrauen und häufig allein leben. In den USA gingen beim FBI 2023 mehr als 101.000 Anzeigen von Menschen über 60 ein, mit Verlusten von 3,4 Milliarden Dollar.
Wen rufe ich an, wenn ein älterer Angehöriger betrogen wurde?
Zuerst seine Bank, um die Zahlung möglichst zu stoppen; Karten und Online-Banking lassen sich auch über den Sperr-Notruf 116 116 sperren. Danach erstatten Sie gemeinsam Anzeige bei der Polizei, bei einem verdächtigen Anruf sofort über die 110.
Was tue ich, wenn mein Vater oder meine Mutter nicht zugeben will, betrogen worden zu sein?
Streiten Sie nicht und machen Sie keine Vorwürfe. Sagen Sie, dass es jedem passieren kann, bieten Sie an, die Anrufe bei Bank und Polizei gemeinsam zu machen, und erinnern Sie daran, dass der Betrüger genau auf die Scham setzt, damit ihn niemand anzeigt.
Quellen
- Polizeiliche Kriminalprävention (polizei-beratung.de), Enkeltrick
- Polizeiliche Kriminalprävention (polizei-beratung.de), Schockanrufe
- Polizeiliche Kriminalprävention (polizei-beratung.de), Betrug durch falsche Polizisten
- Polizeiliche Kriminalprävention (polizei-beratung.de), Messenger-Betrug
- BaFin, Betrug mit dem Namen der Bafin
- BaFin, Datendiebstahl
- Sperr-Notruf 116 116
- Verbraucherzentrale, Täuschend echt: Wie Kriminelle Deepfakes mit Promis für Fake-Werbung nutzen
- FBI IC3, Elder Fraud Report 2023
- Polizei, Onlinewachen der Polizeien in Deutschland
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