Anlagebetrug ist ein Betrug, bei dem man Sie um Geld bittet, um es in etwas anzulegen, das es nicht gibt, das nicht wert ist, was behauptet wird, oder das nie gekauft wird. Fast immer kommen drei Zutaten zusammen: eine hohe und garantierte Rendite, Zeitdruck und ein Anlageobjekt, das Sie nicht selbst prüfen können. Es ist die Betrugsart, bei der das meiste Geld fließt: In den USA gingen bei der Verbraucherschutzbehörde FTC 2024 Meldungen über 5,7 Milliarden Dollar Verlust durch Anlagebetrug ein, von insgesamt 12,5 Milliarden Dollar Betrugsschaden.
Was ist Anlagebetrug genau?
Jede Täuschung, bei der das Opfer sein Geld hergibt, weil es glaubt, eine Rendite zu kaufen. Die Verkleidung wechselt: Staatsanleihen, Einlagenzertifikate, Briefmarken, Wein, Gold, Schiffscontainer, Kryptowährungen, Aktien eines Unternehmens, das „bald an die Börse geht“. Der Kern bleibt: Das Geld geht nicht dorthin, wo man es Ihnen sagt. Mal wird es nie angelegt, mal in etwas, das viel weniger wert ist, als Sie bezahlen, mal bezahlt es die früheren Anleger. Letzteres ist die Definition eines Schneeballsystems.
Zu dieser Familie gehören fast alle Arten von Finanzbetrug, die wir bei MATERIUM erklären: Schneeballsystem, Pyramide, Pump and Dump, Bilanzbetrug oder Krypto-Betrug. Gemeinsam ist ihnen, dass der Betrüger eine Zukunft verkauft (Zinsen, Wertsteigerung, Gewinne) und in der Gegenwart kassiert.
Wie funktioniert Anlagebetrug, Schritt für Schritt?
- Der Köder. Eine Anzeige in sozialen Medien, ein Anruf, ein Bekannter, der schon verdient hat. Das Angebot wirkt meist exklusiv: „begrenzte Plätze“, „nur für ausgewählte Kunden“.
- Das Versprechen. Eine Rendite weit über dem Üblichen und zugleich ohne Risiko. Diese Kombination gibt es an echten Märkten nicht: Je höher die Rendite, desto höher das Risiko.
- Die Kulisse. Broschüren, makellose Websites, Büros, Zertifikate, Kontoauszüge mit Ihrem Namen. 1822 war es die Landkarte eines erfundenen Landes, heute ist es eine App mit steigenden Kurven.
- Die ersten Zahlungen. Oft zahlt der Betrüger am Anfang aus, um Ihr Vertrauen zu gewinnen, damit Sie mehr einzahlen oder andere mitbringen. Dieses Geld stammt aus Ihrer eigenen Einlage oder der anderer Kunden.
- Die Sperre. Wenn Sie abheben wollen, tauchen Hindernisse auf: Gebühren, Steuern, „Verifizierungen“. Jedes Hindernis ist eine weitere Zahlung.
- Das Verschwinden. Die Website geht vom Netz, der Berater antwortet nicht mehr oder das Unternehmen geht pleite. Manchmal folgt ein zweiter Betrug: Jemand bietet an, das Verlorene gegen eine Gebühr zurückzuholen.
Anlagebetrug erkennen: die Warnsignale
Diese Signale wiederholen sich in den dokumentierten Fällen und in den Warnungen der Aufsichtsbehörden:
- Hohe und garantierte Rendite. Eines von beiden ist zu viel. Garantiert man Ihnen 10 % im Monat, lügt Sie jemand an.
- Zeitdruck. „Heute ist der letzte Tag“, „nur noch drei Plätze“. Die Eile soll verhindern, dass Sie prüfen.
- Nicht registriert. Das Unternehmen steht nicht in der Unternehmensdatenbank der BaFin, oder der Name ähnelt dem eines echten Instituts, aber die Website ist eine andere.
- Sie können das Anlageobjekt nicht sehen. Es gibt keinen unabhängigen Weg zu prüfen, ob das, was Sie kaufen, existiert und auf Ihren Namen läuft.
- Die Papiere stellt der Verkäufer selbst her. Kontoauszüge, Zertifikate und Prüfberichte, die kein Dritter ausstellt.
- Sie sollen zahlen, um zu kassieren. Gebühren oder Steuern im Voraus, um Ihre Gewinne freizugeben.
- Unaufgeforderter Kontakt. Man ruft Sie an oder schreibt Ihnen, ohne dass Sie gefragt haben, oder die Anzeige nutzt das Gesicht eines Prominenten.
Wenn Sie ein konkretes Angebot an diesen Signalen messen wollen, nutzen Sie den Betrugs-Check und die Anleitung, wie Sie die BaFin-Zulassung prüfen.
Betrügerische Geldanlage: Welche echten Fälle zeigen es?
Gregor MacGregor und Poyais (London, 1822). MacGregor brachte in der City Anleihen eines mittelamerikanischen Landes unter, das es nicht gab, über 200.000 Pfund zu 6 %, wie die jedes anderen Staates. Außerdem verkaufte er Land an Siedler: Von den fast 250, die ankamen, starben rund 180. Das ist Anlagebetrug in Reinform: ein erfundenes Anlageobjekt mit perfekter Kulisse. Wir erzählen es im Fall Gregor MacGregor. Sein Gesetz der Täuschung Nr. 2: „Ist die Lüge groß und detailliert genug, prüft sie niemand.“
Allen Stanford (Antigua, bis 2009). Seine Karibikbank verkaufte Einlagenzertifikate mit fast doppelt so hohen Zinsen wie eine US-Bank. Sie meldete für 1995 eine Rendite von 15,71 % und für 1996 exakt dieselbe. Viele Opfer waren Familien aus Lateinamerika, vor allem aus Venezuela, die ihre Ersparnisse schützen wollten. 2012 wurde er zu 110 Jahren Haft verurteilt, für einen Betrug über 7 Milliarden Dollar. Mehr im Fall Allen Stanford.
Bernard Madoff (New York, bis 2008). Gemessen am Geld der größte Anlagebetrug der Geschichte: Seine Kunden verloren rund 17,5 Milliarden Dollar an Kapital. Er versprach wenig, eine moderate und regelmäßige Rendite, und hielt sich deshalb jahrzehntelang. Siehe den Fall Bernie Madoff.
P&R (Grünwald bei München, bis 2018). Der Containeranbieter verkaufte Anlegern Frachtcontainer als Sachanlage und mietete sie sofort zurück. Ab 2007 wurden nach dem Tatverdacht der Staatsanwaltschaft München I mehr Container verkauft, als tatsächlich vorhanden waren; beim Zusammenbruch der deutschen P&R-Gesellschaften im März 2018 lag die Fehlbestandsquote bei mehr als 60 %. Betroffen waren rund 54.000 Anleger. Die Container konnten sie nie sehen: genau das Warnsignal „Sie können das Anlageobjekt nicht prüfen“. Zu einem Urteil kam es nicht: Das Landgericht München I erklärte den Gründer 2019 für verhandlungsunfähig.
Warum fallen wir auf Anlagebetrug herein?
Weil er die fünf Hebel aktiviert, die wir bei MATERIUM untersuchen: Gier (die Rendite), Vertrauen (der Bekannte, der schon ausgezahlt wurde), Autorität (der angesehene Berater, die offiziell wirkende Broschüre), die Angst, etwas zu verpassen (der Zeitdruck) und Scham, die viele Opfer spät Anzeige erstatten lässt. Wir erklären das unter Warum wir auf Betrug hereinfallen, und die Gesetze der Täuschung fassen es zusammen, vor allem Nr. 4: „Unmögliche Renditen finden immer Leichtgläubige.“
Was sagt das Gesetz in Deutschland?
Wer Anleger täuscht, um ihr Geld zu behalten, begeht Betrug nach § 263 StGB: bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe, in besonders schweren Fällen sechs Monate bis zehn Jahre. Speziell für Anlageprodukte gibt es den Kapitalanlagebetrug nach § 264a StGB: Wer beim Vertrieb von Wertpapieren oder Unternehmensanteilen in Prospekten gegenüber einem größeren Kreis von Personen unrichtige vorteilhafte Angaben macht oder nachteilige Tatsachen verschweigt, wird mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bestraft.
Was tun bei Verdacht auf Anlagebetrug?
Bevor Sie zahlen:
- Prüfen Sie die Zulassung. In Deutschland in der Unternehmensdatenbank der BaFin und in ihren Warnungen zu unerlaubten Geschäften, in Österreich bei der FMA, in der Schweiz auf der Warnliste der FINMA. Die Verbraucherzentralen bieten zudem den kostenlosen Fake-Check Geldanlage an.
- Prüfen Sie die Website. Die Domain muss genau die sein, die im Register steht. Klone kopieren die Namen echter Institute.
- Fragen Sie schriftlich, woher die Rendite kommt und wer Ihr Geld verwahrt. Ist die Antwort vage, haben Sie Ihre Antwort.
Wenn Sie schon gezahlt haben:
- Zahlen Sie nichts mehr, weder Gebühren noch Steuern, um Ihr Geld „freizuschalten“.
- Sichern Sie die Beweise: Überweisungen, Nachrichten, Screenshots der Website und Namen.
- Sprechen Sie sofort mit Ihrer Bank, falls sich eine Überweisung noch stoppen lässt.
- Erstatten Sie Anzeige bei der Polizei, auch online über die Onlinewache Ihres Bundeslandes, und melden Sie den Anbieter der BaFin. In Österreich und der Schweiz wenden Sie sich an die Polizei und an FMA bzw. FINMA. Was danach kommt, erklärt Betrogen worden – was tun?.
- Misstrauen Sie jedem, der anbietet, das Geld zurückzuholen. Das ist der Recovery Scam, ein zweiter Betrug.
Häufige Fragen
Was ist Anlagebetrug?
Ein Betrug, bei dem man Sie um Geld bittet, um es in etwas anzulegen, das es nicht gibt, das nicht wert ist, was behauptet wird, oder das nie gekauft wird. Man erkennt ihn an drei Merkmalen: hohe und garantierte Rendite, Zeitdruck und ein Anlageobjekt, das Sie nicht selbst prüfen können.
Gibt es eine garantierte Rendite?
Nur bei Produkten mit sehr geringem Risiko und bescheidenen Zinsen, etwa einer Einlage bei einer Bank, die der gesetzlichen Einlagensicherung angehört. Eine Rendite, die zugleich hoch und garantiert ist, ist das häufigste Warnsignal für Anlagebetrug, vom Poyais von 1822 bis zu den Plattformen von heute.
Wie erkenne ich, ob ein Anlageanbieter in Deutschland zugelassen ist?
Suchen Sie ihn in der Unternehmensdatenbank der BaFin und in ihren Warnungen zu unerlaubten Geschäften; in Österreich bei der FMA, in der Schweiz bei der FINMA. Steht er dort nicht mit genau diesem Namen und dieser Website, darf er Ihr Geld nicht annehmen.
Ist Anlagebetrug strafbar?
Ja. Wer Anleger täuscht, um ihr Geld zu behalten, begeht Betrug nach § 263 StGB. Wer in Prospekten gegenüber vielen Personen falsche vorteilhafte Angaben macht, macht sich zusätzlich wegen Kapitalanlagebetrugs nach § 264a StGB strafbar.
Was tue ich, wenn ich schon in etwas investiert habe, das nach Betrug aussieht?
Zahlen Sie nichts mehr, auch keine Gebühren oder Steuern, um Ihre Gewinne „freizuschalten“. Sichern Sie alle Belege, informieren Sie Ihre Bank, erstatten Sie Anzeige bei der Polizei (auch online über die Onlinewache Ihres Bundeslandes) und melden Sie den Anbieter der BaFin.
Quellen
- SecurityWeek, FTC beziffert die Betrugsverluste 2024 auf 12,5 Milliarden Dollar (5,7 Milliarden bei Anlagebetrug)
- FBI, Internet Crime Complaint Center, Internet Crime Report 2024
- Encyclopaedia Britannica, „Gregor MacGregor“
- US-Justizministerium, Allen Stanford zu 110 Jahren verurteilt (14.06.2012)
- Bundesstaatsanwaltschaft für den Southern District of New York, Urteil gegen Bernard Madoff, 150 Jahre (29.06.2009)
- Staatsanwaltschaft München I, Anklage im Fall P&R (Pressemitteilung 01/2019)
- Stiftung Warentest, P&R-Gruppe: Container nicht verschwunden, sie wurden nie gekauft (2018)
- Abendzeitung München, P&R-Milliardenpleite: Strafprozess wegen Krankheit geplatzt (2019)
- § 263 StGB, Betrug (gesetze-im-internet.de)
- § 264a StGB, Kapitalanlagebetrug (gesetze-im-internet.de)
- BaFin, Anlagebetrug
- BaFin, Unternehmensdatenbank
- BaFin, News & Warnungen
- Verbraucherzentrale, Fake-Check Geldanlage
- Polizei, Onlinewachen der Polizeien in Deutschland
- FMA Österreich, Warnungen
- FINMA, Warnliste
Informationsangebot: keine Finanz- oder Rechtsberatung. Vor einer Anlageentscheidung wenden Sie sich an eine zugelassene Fachperson.